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LYRIK JETZT

  • habild
  • 1. Feb. 2023
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Mai

WINTER/FRÜHLING 2026



NO SENSE



DU BIST MEIN ANKER



EIN PHOTO…


ist immer nur ein verkürzter Augen-blick.

Es enthüllt Ungewusstes, Unfassbares, Erstaunliches, Abgründiges.


So wie das Photo meiner fast erwachsenen Tochter

Am Strand von Cala Sapone in Sant-Antioco

Wo sie plötzlich – für einen Moment –

Wieder aussieht wie mein kleines Mädchen.

Ihr Blick ist unverstellt und sich öffnend,

ganz, dem Betrachter gegenüber.

Ihr Blick ist für die Dauer dieses Moments unschuldig.

Ihre Handhaltung ist ungeschickt, fast tollpatschig,

wie die eines jungen Welpen.


Das Kind, das sich hier zeigt,

trägt sie immer noch in sich.

als einen Anteil ihrer selbst.

 

 

NURAGHEN

 

ziehen einen nicht hinab in ihren Abgrund,

sondern lassen den Betrachter nach oben wandeln, Richtung Himmel.

So wie die spitzen Hüte der Büßer der katholischen Bruderschaften

in der semana santa gen Himmel ragen.

Wie auf einem Schneckenhaus wandelst du nach oben

und stehst dann da, wo der Blick sich weiten kann.

Palmen, Kakteen und Disteln versuchen, der Nuraghe Herr zu werden,

und sie wehrt sich nicht.

Obgleich sie selbst wohl Wehrturm war.

Aber sie war wohl auch Schutzturm.

Und vielleicht auch Heiligtum-

Warum sonst richten sich all ihre Eingänge immer gen Südost?

Vor so langer Zeit, unaussprechlich langer Zeit, unvorstellbar langer Zeit,

in der Jungsteinzeit.


Und sie stehen da und legen Zeugnis ab über eine Epoche,

die wir nicht mehr zu uns holen können.

Über Menschen, die für immer verschwunden bleiben. Nuraghi.

Aber ihre Anwesenheit ist Trost. Ist immer noch Schutz.

Manches bleibt doch bestehen und zeigt,

wie sehr die Menschen, immer schon, nach Schönheit strebten.

 

 

FLORENTINER AUSSENBEZIRKE

 

Würde man hier,

in den Florentiner Außenbezirken,

 einen locus amoenus finden,

um himmlische Florentiner zu knabbern?

Wäre hier Galileo Galilei herumgestreift

und wäre hier zu Kompass, Teleskop, Mikroskop und Zirkel inspiriert worden?

Hätte Dante hier angefangen, Gedichte zu schreiben?

Hätte hier Michelangelo menschliche Kolosse gefunden,

um Götterbildnisse mit Muskelstudien zu verbinden?

Wäre Caterina de Medici hier zu der grausamen Machtpersönlichkeit herangereift,

die später zu einem Massenmord an französischen Hugenotten fähig war?

Hätte Carlo Collodi hier einen Jungen gefunden, der ihm Vorbild wurde

für seinen kleinen Lügner Pinocchio?

Oder bringt Mittelmäßiges nur Mittelmaß hervor?




HERBST 2025




SOMMER 25



POETISCHE STILLLEBEN,

so still und zart und leise, doch teilweise belebt, synästhetisch. Geschriebene Bilder, die sich in die Phantasie hineinmalen dürfen.

Und Fragen über Fragen stellen diese naturae morte: Gehen die einzelnen Ingredienzien Verbindungen ein, schenken sie sich gegenseitig etwas, und sei es nur eine Bedeutung – im Betrachter oder auch durch die schiere Nähe ihrer Anordnung? Wollen sie eins wie das andere etwas über den Anderen offenbaren, haben sie sein Geheimnis erkannt, oder sind sie rein selbstbezogen und wollen sich nur selbst ins beste Licht setzen? Geben sie dem Anderen etwas, was dieser dringend zur weiteren Existenz braucht?

 

 

Königskind

Sylter Muscheln auf dem Esszimmertisch, in einer kleinen Schale, servieren uns die Nordsee ins Haus. Daneben buhlen weiße Hortensien im Tonkrug. Und in der Mitte die Königskerze dessen, der den 1. Teil seiner Kindheit hinter sich lässt, mit weizengelbem Haar, ein kleiner Prinz.

Und unscheinbar ein Mängelexemplarbuch, dessen Mängel man vergeblich sucht.

 


Elementarteilchen des Duftes

Die Löwenmäulchen und die Strohstühle stehen traurig im Regen. Auch der Sommerflieder lässt seine Dolden hängen und verströmt nicht seinen altertümlich-betörenden Duft aus dem letzten Jahrhundert. Ausgerechnet der Sonnenhut streckt sich mutig dem Regen entgegen.

Der muffige Geruch, der aus dem Haus nach draußen strömt,

löst sich sofort in seine Bestandteile auf und verliert sich. Sitzen seine Teilchen auf Löwenmäulchen, Sommerflieder, Sonnenhut und den Strohstühlen? Ist er unwiederrufbar nach draußen gewandert?

 

 

Pfingstwunder

Holunderblütenpfannkuchen, knusprig braun am Rand. Die Pfingstrosen, gerade aufgeblüht, beugen sich darüber, wie um ihn neugierig anzuschauen. Er liegt nur stumm da und harrt seines Schicksals. Über ihn krabbelt ein Eindringling, Abgeordneter einer invasiven Art, vielleicht der Erste von Scharen, die noch folgen werden: ein asiatischer Marienkäfer.

 


Alles ist Bluna

Auf dem Kiosktisch liegen eine alte, leere Bluna-Plastikflasche, und ein Päckchen Zigaretten, daneben. Darüber hocken Gesichter. Aufrecht steht eine Flasche Pils. Eine kleine Wespe krabbelt traurig und erfolglos dazwischen herum.

 


Metarmorphosen

Eine Schnirkelschnecke auf dem Gartentisch, der Liebespfeil ausgefahren, bereit zum Abenteuer. Schnaken auf den nackten Beinen, unser Blut nährt sie. Aus dem Tisch wächst ein grüner Haferkeim, aus den Körnern des Wintervogelfutters. Im Hintergrund ein Zikadenwunder in der warmen Wiese: Gezirpt wird im genau gleichen Rhythmus. Ihre Häutungen finden sich allüberall, Wunder der Metarmorphose.

 


Der ungebetene Gast

Hopfengirlanden räkeln sich auf dem Buffet, neben Traubenrispen, veganer Entenpastete und feuerrotem Eintopf. Der Champagner perlt zum Abwinken. Alles beugt sich den Gästen entgegen, gespannt: Werden sie je eintreffen? Wer wird den größten Gefallen finden? Bis ein neugieriger Grünfink dazuhüpft, ein ungebetener Gast, wahllos, aber doch wenigstens einer.





FRÜHLING 25


GEWALT gegen FRAUEN-EICHELHÄHER?
GEWALT gegen FRAUEN-EICHELHÄHER?


HERBST/WINTER 24,25



TRAMPS statt TRUMPS
TRAMPS statt TRUMPS




LOVE IS THE RUNNING TOWARDS
LOVE IS THE RUNNING TOWARDS

lesen wir auf einer Feuerwehrwache in London.

The british empire ist hierher gelaufen

und taumelt blind in die Moderne.

Hinter der nächsten versifften Ecke

riecht es schon wieder nach Gediegenheit.


Wir rennen wahllos

zu underground-stations, flowermarkets, museums

and other sights.

Big Ben bei Nacht spuckt auf die Themse

und steht einfach über den Dingen.


Love is the running towards

lesen wir auf einer Feuerwehrwache.

Ein Gedicht über London ist immer nur

ein An-Satz.







LONDONER SCHICHTEN
LONDONER SCHICHTEN




SOMMER 24



Links-Rechts





Gjirokastr-Albanien


"In jedem Reisenden, der sie zum ersten Mal erblickte, erweckte die Stadt sofort das Verlangen, Vergleiche anzustellen. Doch kaum war ihr der Reisende in die Falle gegangen, machte die Stadt den Vergleich zunichte, denn sie war eine Stadt, die nichts anderem glich." (Ismail Kadare: Chronik in Stein)



Es ist dies eine steile Steinstadt.

Wie eine Glucke hockt die Burg

auf osmanischen Turmhäusern

die zum Jezerca-Gebirge glotzen.

Des Tags und des Nachts,

wenn die Talwinde aus dem Norden

die Steine bedrängen.


Der türkische Kaffee döst

nichtsahnend in der Cezve,

die trächtigen Hunde

im Schatten der immergrünen Magnolie.

Nur die Burg weiß,

was hier passiert ist

in tausendenundeinem Jahr.


Gjirokastr - du Wiege des sozialistischen Albaniens -

einst hallten hier die Schreie

des Säuglings Enver Hoxa wider,

der in deinen Mauern schützend geboren ward,

und sich hier entschied,

ein Diktatorherz aus Stein zu formen.






Heim-Suchung


Das Oderbruch -

Trockengelegter Sumpf

und ich komme hierher,

weil auch ich meine

inneren Sümpfe durchwatet

und vermessen habe.


Der Blick nach Polen

ist der in die Wildnis

und das Sternenfunkeln hier noch heller

und das Grillenzirpen hier noch lauter

und meine Seele geht hier an Land

und findet einen Klangraum

der nach Heimkommen riecht.




"Lyrik jetzt": Gedichte formen sich da, wo Schönheit erspürbar ist. Wo Eigensinn ist. Wo Worte Materie werden wollen. Wo etwas die Seite wechseln will. Auf die Seite der Ewigkeit.

 
 
 

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Constanze Habild Lyrikblog - Versefalter.com

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