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2021/2022/2023/2024

  • habild
  • 30. Dez. 2022
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Aug. 2025




2024



 Der Worte Duft




Der himmlische Brei

(hommage an das Gemälde desselben Titels von Remedios Varo)

 

Sternenstaub gemahlen gemixt vermanscht

gebreit.

Mit dem Brei fütterst du die kranke blasse

Mondensichel,

die nun wieder leuchtet.

Du - Heilerin des Kosmos.

















Ich werfe den himmlischen Brei

Wütend in die Welt hinaus

Wissend

Es ist zu spät.






Januarwende

 

Der Winter hat sich schon gewendet.

Jetzt fehlt noch die innere Wende.

Das Streben hin zu etwas Neuem.

Zu wissen:  an das Alte mit Pech angeleimt zu sein.

Die Füße stolpern voran und finden keinen sicheren Halt,

die Schlittschuhe beschreiben vage Kurven auf dem blanken Eis.

Aber ich sehe dort vorne

eine Lichtung

pralle Knospen an den Zweigen

einen kleinen Fetzen Blau

ein Versprechen, das gehalten werden kann.

 

Auch damals im Januar 89

fing die deutsche Zeitenwende an.

5000 Flugblätter wurden verteilt,

die aufriefen zu

mehr Freiheit.

 

Auch damals sah man den Fetzen Blau am Horizont,

der nun wieder

mit Wolken zugekleistert ist,

wie mit Wahlplakaten.






Die Dohle

 

Was ist übrig von der Dohle?

2 Federn nur

und der Gestus eines Raubvogels.

Selbst tot

fährt sie noch ihre Krallen aus.

Ein Festmahl

im Rotlechtal.

 

Was war das letzte Abendmahl der Dohle?

Wohin war sie

des Wegs gewesen?

Hat sie der Gegner hinterrücks überfallen?

















Doch Dohlen erzählen keine Geschichten.

Menschen – auch – immer weniger.







2023



Relikte des Gemetzels






Das verkrüppelte Bäumchen (Okt. 23)


Es steht dort so allein

das einzige seiner Art

weit und breit.


Im Brachland

warten Reiher auf ihren Auftritt.

Schwäne tuen teilnahmslos,

aber bringen sich in Stellung.

Die Kormorane belagern es schon.


Und wer schützt das Bäumchen

Vor dem Nahost-Wind?


Wie konnte es bloß dort

wachsen wollen?


Und wieso steht es dort immer noch?







Dieses Gedicht ist kein großer Schritt für die Menschheit,

aber eine Hommage:


Moonsong


Ich laufe auf dem Mond herum.

Walking on the moon.Ich tanze auf dem Mond.

Bin beschwipst.

Balanciere auf der silbernen Pantoffel.

Champagnersterne funkeln verführerisch.


I'm drunk on the moon

And the moon's a silver slipper,It's pouring champagne stars.


Und wenn du das nächste Mal

als pinker Supermond kommst,

werden wir alle

von dir aufgesaugt werden.


I saw it written and I saw it sayA pink moon is on its wayAnd none of you stand so tall

Pink moon gonna get you all.


Ich hebe mein Champagnerglas

und trinke auf dein Alter:

Dein Mondstaub verrät

Deine 4 Milliarden Jahre,

viel älter, als bis gestern noch gedacht.


What a marvelous night for a moondance.


Was für eine herrliche Nacht für einen Mondentanz!






Circus-festival


(A thing of beauty is a joy forever. John Keats)


Durch den Regen

tanzen Hula-Hoop-Reifen auf dem See.

Im Wasser turnen Uklei, Barsch und Plötze.

Der Fischadler übt im Kopfstand

den Spiegel zu durchbrechen.

Hinter dem Wasser geht der Vorhang auf

und die Sonne bricht camparifarben durch die Wolken.

Wasserläufer balancieren über den See.

Da! 2 Kraniche ziehen

in großem Bogen

und der eine gibt dem anderen Halt.






Zart und wild zieht der Sommer ins Land







Van Goghs Kastanienblüten



Blühende Kastanienzweige maltest du

in deinen letzten Lebensmonaten,

bevor du dich umbrachtest

am 29. Juli 1890,

in Auvers-sur-Oise,

mitten im Sommer.


Du zogst morgens aus

am 29. Juli

mit deiner Staffelei

aufs freie Feld hinaus

in Auvers.


Und kamst mit einer Kugel unter dem Herzen wieder.

Die Kastanienblüten hatten sich schon verwandelt.


Die Robinienblüten in der Uckermark

vor dem blauen Hinmel

strecken ihre Zweige

so sehnend in den Himmel

wie die deinen gehüllt in Kastanienblüten.







Prager Frühlingsbotschaft, April ´23


Du aber sitzt am Fenster

und erträumst sie dir,

wenn der Abend kommt.


Finden des Kaisers Boten

kein Durchkommen

durch den sich selbst

walkenden Touristenteig?


Du aber sitzt am Fenster

und streckst

den Friedenstauben die Hand aus.


Träumt der Kaiser von anderem?


Du aber sitzt am Fenster

und weißt: Es liegt nicht

an den Boten

und nicht am Kaiser.

Es gibt keine Botschaft.








Groß werden


Kleines hinter sich lassen.

Die Kopfweide beobachten

und die lauten Winde,

die von ihr gefangen werden.





Bergkalligraphie


Jeder Weg

führt zur Schrift,

jede Föhre zu größeren Lettern.

Der Regen kann die Felsen lesen.

Auch den Abhang

und das Wäldchen.

Die Ränder versinken im Dunkeln,

unentzifferbar.

Aber das Weiß dazwischen...





2022



Ausbruch des Bruderkrieges





An Emily Dickinson – März ´22, Einmarsch Russlands in die Ukraine


Hej März, wie freute ich mich, schon lange erwarte ich dich.

Ich wollte mit dir im Gras liegen

das Blau des Himmels betrachten

das nur im März von diesem Blau ist

ich wollte aufatmen

Dich an die Hand nehmen

und mit Dir ums Haus toben.


Hej März, wie geht’s ?

Natur und Du wohlauf?

Weißt Du Näheres?

Hast du Neuigkeiten?

Hast Du Widerstandskräfte?

Falls – ja falls Flur und Feld

zerstört und

verseucht werden sollten?


Wohin gehst du, wenn du gehst?

Und kannst du dem April dann ausrichten,

dass er Frieden bringen soll?




Pianello del Lario


Hierhergekommen sind wir nur weil

wir die Panzer auf der Autobahn überholt haben

über die ich nicht schreiben möchte.


In diesem Möglichkeitsland

eine exotische Pflanze sein

die ihre Äste zum faul-mondänen Leben ausstreckt

ohne ganz dorthin zu wollen?


Sich lieber in luftigeren Höhen ergehen

herabblicken mit dem Distanzblick

und wissen, dass hier Madonna della pace wacht.


Un viagge de sogno,

und ich singe im Schlaf

und schlafwandle in der edenhaften Wirklichkeit.



Ich schenke dir zum Abschied eine Kamelie.

Du sagst, dass du hoffst,

dass sie noch lange blühen wird-

trotz, ja trotzdem.




Kater-strophe


Ich rieche an den Blumen,

ob sie heute anders riechen als gestern.

Ich drücke mich an die Rinde

weil ich gedrückt werden will.

Ich trinke aus dem Brunnen

nicht, weil ich nach Hoffnung dürste.

Ich laufe sacht über die Wiese

nicht, weil ich Vorsicht walten lasse.

Ich springe auf´s Dach.

Dort ist es warm.

Ich denke nicht über das Bleiben nach.

Ich bleibe...





2021



Spätsommer 21


Wenn Winde sich in Winden winden

schlägt die Goldrute zu

und die Hollerbeeren hängen drohend wie ein Gewitter

oder wie nach unten gerichtete Gießkannen

über dem Seidelbast

der von Kohlweißlingen umgarnt wird.


Die Wolken weiter oben unwirklich.

Es kann noch nicht lange Herbst sein,

und schon gar nicht kann es sein,

dass wir schon dieses Jahr schreiben.

Der Zufall hat mich hierhergeführt,

in diese Symphonie,

die eigentlich sich selbst genügt.


Im Kopf binde ich die schönsten Sträuße

die schönsten Kränze

in Wirklichkeit halte ich nicht einmal an

um eine Blume zu pflücken.





Afghanistan


Hier ist die Moderne zu sehr auf den Widerstand der Traditionen gestoßen

zu groß die Kluften

Kabul

Herat

Kandahar

ein Abzählvers für die Taliban

und weg bist du

die du den Westen geheiratet hast

eingesponnen

von entfesselten Drachen

die sich Turbane aufgesetzt haben

und Frauengesichter auslöschen.




Das Zeitalter der Kabel


Durch die Kabellianen

und mit Maske

an all den Computerviren vorbei

schlage ich mir den Weg

durch mein sogenanntes Arbeitszimmer.


Die Macht über einen Bruchteil

von mir und meinen Diskursen

mit Demut vor allem

was größer ist als ich

möchte ich

wiedererlangen.


Ich struggle hedd`re zappele

aber meine Augen

richten den Blick dorthin

wohin sie ihn heben wollen.




Bretagne.


Frachtkähne,

les chalands,

auf dem Meer.

Sie räumen ab

wie der Kartenspielprofi.

„Lasst etwas übrig“ ruft das Meer.


Die Verkäuferin des Austerngeschäftes trägt ein Katzen-T-shirt.

Le chat lent.


Land am Meer.

Côtes d´Armor.

Aodoù an Arvor.

Hafen an Hafen.

Küste an Küste.



Des Nebels schönstes Kleid wallt auf die Hinkelsteinfelder.

Carnac, Karnag.

Die Steinreihen als Verteidigungslinie

gegen Dämonen des Meeres

oder einst eine Kultstätte?


Der weiße Sand von Carnac

knistert in allen Ritzen

legt alles lahm,

weitere Nachforschungen nicht möglich.

Nebel und Sand wollen schützen das Meer.

„Helft mir“ ruft das Meer.


Die Menhire sind machtlos

gegen die Dämonen

die der Mensch erschafft.




La chute – es muss ein Meeresgedicht werden und ein Gedicht über rechtsextreme Parteien in Europa


Der Verfassungsschutz

beobachtet

neuerdings

die AFD.


Während ich

im Midikleid der Provence

angeglotzt werde,

verstummen dort

Marie Le Pens Hasswörter

nicht.


Wen ruft wer

zur Räson,

so dass es

von allen Felsen der calanques

als Echo zurückhallt?


Ich denke

also bin ich

und wünsche mir

den Fall

derer die das

Schöne - das Gute - das Wahre nicht sehen können.


 
 
 

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